
Herodot bezeichnete Ägypten als "Geschenk des Nils". Die Ägypter nannten den Nil einfach nur „ den Fluss“. Sie glaubten, dass seine Fluten von den Flussgöttern stammen. Der Nil war die Grundlage ihres Lebens. Er bescherte Wasser und ließ reiche Ernten gedeihen. Und er war ein Verkehrsweg durch ein riesiges Gebiet, in dem verschiedenste Völker zu Hause waren. Die Ägypter besaßen das fruchtbarste Gebiet der Erde. Die meisten lebten in Dörfern am Nil. Die Häuser standen nahe am Wasser, obwohl sie manchmal durch die Fluten beschädigt wurden. Hier trafen sich die Bewohner und tauschten Nachrichten aus, während sie Felle gerbten, Wäsche wuschen, Wasser schöpften und fischten.
Regelmässig schickte der Nil seine lebenspendenen Fluten, die das Uferland mit fruchtbarer Erde bedecken. Die Menschen kannten weder ihren Ursprung, noch wußten sie, warum die Fluten manchmal ausblieben. Deshalb schufen sie die Götter des Nils und zahlreiche Mythen, um sich das Geheimnis zu erklären. Die wahre Geschichte ist, dass die Nilflut von den Regenfällen im äthiopischen Hochland stammt. Hier entspringt der baue Nil. Wenn der Regen fällt, dann schwillt der Fluss um das 400fache gegenüber der Trockenzeit an! Riesige Wassermassen wälzen sich tausende Kilometer nordwärts bis ans Meer. Trockene Wüstentäler füllen sich mit Wasser. Dämme und Deiche stauen die Fluten, mit denen die Felder bewässert wurden. Der Nil war eine reiche Nahrungsquelle durch Fische, Vögel, Nilpferde und Krokodile. Krokodile sind altsteinzeitliche, unberechenbare und gefährliche Tiere. Die Ägypter schrieben ihnen deshalb göttliche Eigenschaften zu. Sie verehrten sie in Gestalt des Krokodilgottes Sobek. Mit Opfergaben versuchten sie sich Sobek gewogen zu machen. Doch manchmal war der Krokodilgott verstimmt, dann blieben die Fluten aus und die Felder vertrockneten.
Im Alten Ägypten war der Nil ein bedeutender Handelsweg. Rohstoffe aus dem Süden wie Holz und Steine, Felle und lebende Tiere wurden auf dem Strom befördert. Auf großen Segelschiffen, die von vielen Ruderern angetrieben wurden, wurden die Waren befördert. Auf den kleineren Felukken waren die Reisenden, die Fischer und Bauern unterwegs. Wo sich Stromschnellen befanden, mußten die Schiffe an Land geschafft und über kurze Strecken getragen werden. Wie auf dem Bild links oben, auf dem das erste Katarakt des Nils abgebildet ist. An den Ufern des Flusses entstanden Großstädte wie Kairo, Luxor, Gizeh und Alexandria.
Die Ägypter rechneten nach dem Mondkalender. Der Monat bestand aus 29 oder 30 Tagen. Das Jahr teilten sie in drei Jahreszeiten, die auf dem Nilzyklus beruhten. Die Zeit der Überschwemmung bildete die erste Jahreszeit, sie reichte von Mitte Juni bis Mitte September. Danach folgte die Aussaat, die bis Mitte März dauerte. Die letzte Jahreszeit war Erntezeit, dann war der Wasserstand des Flusses am niedrigsten. Diese Kalendereinteilung hat sich so bewährt, dass wir sie heute noch ganz ähnlich verwenden.

Ägypten besteht hauptsächlich aus Wüste, bis auf den Nil und das Niltal. Ohne den Nil wäre eine Landwirtschaft in Ägypten kaum möglich gewesen. Einmal im Jahr, zwischen Juli und Oktober, überschwemmte der Fluss das Niltal und das Delta. Während dieser Zeit wurde eine Schlammschicht abgelagert, die den Bauern einen fruchtbaren Boden bescherte. Begann der Nil im Oktober wieder zu sinken, begannen die Bauern mit der Aussaat. Die alljährlich wiederkehrende Nilüberschwemmung wurde mit einem großen Fest begrüßt und der Tag ihrer Ankunft ist noch heute Anlass zu einem traditionellen Feiertag. Landwirtschaft wurde am gesamten Nil und im Delta betrieben. Die Anbaufläche war riesig, sie betrug etwa 34.000 km². Die Sümpfe des Deltas waren ein ausgezeichnetes Gebiet für den Vogel- und den Fischfang. Dort wuchs vor allem der begehrte Papyrus. Hier erfährst du mehr über die Bedeutung des Papyrus für die Entwicklung der Schrift
Mit dem Nilometer haben die Ägypter den Wasserstand des Nils gemessen. Auf verschiedenen Abschnitten des Flusses befanden sich solche Nilometer. Heute kann man noch eines auf der Insel El Roda besichtigen, das aus dem 9. Jahrhundert stammt. Es besteht aus einem Schacht, der über mehrere Kanäle mit dem Nil verbunden ist. Drohte ein Hochwassers, so wusste man, welche Höhe der Wasserstand erreichen wird. Dieses Wissen war wichtig, um sich und das Vieh vor den Fluten in Sicherheit zu bringen. Es war aber auch für das Steuersystem der alten Ägypter von Bedeutung. Wie Steuern und Wasserstand zusammenhingen? Die Steuern basierten auf dem, was die Bauern und Handwerker erzeugten. Je höher der Flutpegel war, desto mehr Boden konnte bebaut werden. Die Bauern konnten mit einer hohen Ernte rechnen, und die Steuereintreiber mit hohen Steuern. Das erstaunliche daran: Bereits aus der 1. Dynastie gibt es Aufzeichnungen über den Wasserstand und die zu erwartenden Ernten!
Schon gewusst?
Der Nil war für die alten Ägypter so wichtig, dass sie zwei Nil-Götter verehrten. Der Gott des Nils war Osiris, der auch für das Jenseits und das Totenreich zuständig war. Der Gott der Nilflut war Hapi, der die Nilflut brachte und den fruchtbaren Schlamm zurückließ.
Hier erfährst du mehr über den Nil im heutigen Ägypten