"Salama lay kum", Friede sei mit dir, so wirst du in Gambia begrüßt. Das westafrikanische Land liegt an den Ufern des Flusses Gambia. Mit 11 300 Quadratkilometer ist Gambia nur halb so groß wie Hessen, doch mit 1,7 Millionen Einwohnern ist es deutlich weniger besiedelt.
Gambia wurde erst während der Kolonisierung geschaffen. Abenteurer, Entdecker und Seefahrer aus Europa erkundeten das fruchtbare Gebiet rund um den Fluss Gambia. Bald darauf erhoben Portugiesen, Franzosen und die Briten Anspruch darauf. Da die Europäer ausschließlich Interesse am Fluss hatten, eroberten sie nur den Uferstreifen, den sie von ihren Kanonenbooten aus verteidigten konnten. Auf diese Weise erhielt das Land seine ungewöhnliche Form. Vor etwas mehr als 100 Jahren handelten die Briten und Franzosen die heutige Grenze miteinander aus. Sie nahmen dabei keine Rücksicht auf traditionelle Stammesgrenzen. Dadurch kam es zu viel Streit zwischen Stämmen und Familien. Woher erhielt das Land seinen Namen? Durch ein Mißverständnis. Die Neuankömmliche fragten den ersten Einheimischen, der ihnen begegnete, nach dem Namen des Gebietes. Der Griot verstand sie nicht richtig und nannte ihnen seinen Namen. So wurde er ohne es zu ahnen zum Namensgeber für Gambia.
Der rote Grenzstreifen rund um den Fluss Gambia zeigt, dass das Land fast ganz von Senegal umschlossen wird. Nur ein kurzer Küstenstreifen am Atlantik öffnet Gambia das Tor zur Welt. Der Fluss Gambia zieht sich wie eine Schlange von der Atlantikküste rund 500 km ins Landesinnere. An seinen Ufern wachsen Galeriewälder. Die Wälder gehen über in Savannen. Riesige Baobabbäume oder Kapokbäume prägen die Savanna.
Banjul liegt am Atlantik. Die Kleinstadt mit gerade mal 31 000 Einwohnern ist die Hauptstadt von Gambia. An vielen im europäischen Stil errichteten Gebäuden erkennt man heute noch Spuren der kolonialen Vergangenheit. Die hohen Minarette im Hintergrund sind ein Zeichen dafür, dass dieses Land islamisch geprägt ist. Beliebt sind die bunten Märkte, auf denen die Bauern aus der Umgebung ihre Früchte und Gemüse verkaufen. Auch viele Kunsthandwerker bieten ihre Waren an wie geschmiedete Pfannen, Töpfe und Schmuck.
Wie im Nachbarland Senegal leben in Gambia die Mandinka. Hier siedeln auch die Fulbe, ein Hirtenvolk, und die Wolof, ein Bauernvolk. Amtssprache ist englisch. Doch die Gambier sind polyglott, neben Englisch hört man überall die Volkssprachen der verschiedenen Völker.



Fast alle Gambier sind Islamgläubige, nur wenige sind Christen. Doch nahezu alle pflegen die Naturreligion ihrer Vorfahren. Zwischen allen Religionen herrscht eine friedliche Koexistenz. Gambia ist ein weltlicher Staat, der den Respekt vor allen kulturellen und traditionellen Werten fördert. Auf den Dörfern leben die Kinder in Großfamilien. Zu einer Großfamilie zählen manchmal 25 Mitglieder und mehr. Sie bewohnen nach alter Tradition runde oder quadratische Hütten aus einfachen Lehmziegeln. Als Dachdeckung dienen Schilf oder Stroh. In den meisten Häusern gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser. Es ist Aufgabe der Kinder, Wasser von den im Dorf verstreuten Wasserstationen zu holen. Die meisten Mädchen müssen auf ihre kleineren Geschwister aufpassen und im Haushalt mithelfen. Die Jungs verdienen mit kleinen Jobs etwas zum Familieneinkommen dazu. Die Menschen in Gambia begrüßen sich gerne und ausführlich. Ein Gruß kann mehrere Minuten dauern, denn man erkundigt sich nach den Familienmitgliedern und ob alle gesund sind. Die Kinder sagen zu allen erwachsenen Frauen "Mutter" oder "Tante", zu den Männern "Vater" oder "Onkel". Es gilt als respektlos, wenn man älteren Menschen beim Gespräch direkt in die Augen sieht.
Diese gambischen Mädchen freuen sich über zwei Dinge: Die Schule ist gerade zu Ende, und sie können überhaupt die Schule besuchen. In Gambia ist es nicht selbstverständlich, dass alle Kinder die Schule besuchen. Dazu müßte es eine Schulpflicht geben. Aber die besteht nur im Gebiet um Banjul. Im übrigen Gambia ist Schulgeld fällig. Zwischen 100 und 180 Euro kostet der Schulbesuch im Jahr. Viele Eltern können sich das nicht leisten. Sie sind traurig darüber, dass ihre Kinder nicht die Grundlagen westlicher Bildung erhalten. Die Folge: Aufgrund der Schulgeldpflicht kann mehr als die Hälfte aller Gambier weder lesen noch schreiben. Wie in fast allen afrikanischen Ländern sind die Schulen nach dem Vorbild der ehemaligen Kolonialmacht organisiert. Gambia war einst britische Kolonie, deshalb gilt heute das englische Schulsystem. Es gibt eine Vorschule für die vier bis siebenjährigen Kinder. Mit sieben wechseln sie über in die Grundschule Die Klassen sind oft sehr groß, etwa 60 bis 70 Schüler sitzen in einem Raum. Aus Raumnot wird oft in Schichten unterrichtet. Nur wenige Eltern können ihren Kindern ein Hochschulstudium ermöglichen. Leider ist es trotz Studium nicht leicht, einen Arbeitsplatz zu ergattern, denn die Arbeitslosigkeit in Gambia ist sehr hoch. Dennoch sind die Chancen der Mädchen und Jungen eindeutig größer, wenn sie eine Schule besucht haben!
Wegen der fehlenden Elektrizität gibt es häufig kein Fernsehen. Deshalb müssen die Kinder in Gambia ziemlich erfinderisch sein. Sie basteln aus Draht oder leeren Konservendosen ihr Spielzeug selbst. Aus Plastiktüten, Stroh und Schnüren fertigen sie auch ihre Fußbälle, denn Fußball ist ihr Lieblingssport. Bei den Älteren finden die traditionellen Ringkämpfe großen Anklang. Wenn die Tam Tams der Trommler ertönen, strömen alle zusammen und feuern ihre Mannschaften an. Wie in allen Gesellschaften in Westafrika spielt Musik eine wichtige Rolle. In früheren Zeiten diente sie nicht nur der reinen Unterhaltung, sondern vor allem der Weitergabe von Wissen. Heute hören junge Gambier am liebsten Reggae. Die traditionelle Küche des Landes besteht hauptsächlich aus Reis, Fisch und Huhn. Das Lieblingsgetränk der Einheimischen ist Palmwein.
Die meisten Gambier leben vom Fischfang oder von der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft wirft nicht genügend ab, um alle Menschen zu ernähren. Deshalb suchen mehr und mehr Gambier nach einer Beschäftigung im Handel, im Tourismus oder in der Verwaltung. Nur die wenigsten finden hier ein Auskommen. Die meisten Erwachsenen sind ohne Arbeit. Und auch das Durchschnittseinkommen der Erwerbstätigen ist sehr gering. Es liegt bei etwa 17 Euro am Tag. Dafür kann man gerade mal einen Sack Reis, etwas Fisch und nur selten Fleisch kaufen. Für besondere Anschaffungen wie Kleidung oder Schulmaterial reicht das Geld oft nicht. Da es keine gesetzliche Krankenversicherung gibt, können ganze Familien durch die Krankheit von einem Familienmitglied völlig verarmen. Auch wenn die Gambier nicht wohlhabend sind, ihre Gärten sind kleine Paradiese. In ihnen gedeiht ein tropisches Blütenmeer. Viele der Pflanzen sind in allen tropischen Gebieten der Erde verbreitet wie z.B. die Feuerakazie, Jacarandabäume, Hibiskus, Oleander und Bougainvillea.
Große Wildtiere wie dieser Elefanten links im Bild sind selten geworden in Gambia. Sie wurden von den britischen Kolonialherren und von einheimischen Wilderern nahezu ausgerottet. Aber jede Menge Buschschweine, Antilopen, Hyänen und Schakale sind unterwegs. In den Wäldern sind die verschiedensten Affenarten wie Meerkatzen, Husarenaffen oder Pavianen beheimatet. Viele Arten von Echsen, Schlangen und Fröschen finden sich an den Ufern des Gambia. Und vor allem hat sich an den Ufern des Flusses ein Vogelparadies gebildet. 540 verschiedene Vogelarten nisten hier. Einst galt der Gambia als krokodilreichster Fluss Afrikas. Heute sind nur mehr wenige der Tiere im Fluss zu beobachten. Das ist wirklich eigenartig, denn Krokodile gelten seit uralten Zeiten in Gambia als heilig. Die Gambier haben sich etwas einfallen lassen, um ihre heiligen Tiere zu retten. Mehr über die heiligen Krokodile Gambias
Die Steinkreise von Wassu wurden um das 8. Jahrhundert auf früheren Gräbern aufgerichtet. Sie bilden die ältesten megalithischen Bauwerke im südlichen Afrika. Die Gewichte der Steine betragen bis zu zehn Tonnen pro Stein. Sie sind zwischen einem bis zweieinhalb Meter hoch und bestehen aus Laterit. Archäologen wissen bis heute noch nicht genau, wer die Steinkreise erbaut hat und welchem Zweck sie dienten. Anhand von gefundenen Waffen und kupfernem Armschmuck lässt sich vermuten, dass es sich um Herrschergräber handelt. In Wassu findet man in einem kleinen Museum alles über die Steinkreise. Traditionsgemäß lassen Besucher kleine Steinchen auf den Steinblöcken zurück, weil sie glauben, dass es Glück bringt.
Die fruchtbaren Ufer des Gambia-Flusses sind seit Jahrtausenden besiedelt. Bereits der Karthager Hanno der Seefahrer, der Westafrika um 470 vor Christus bereiste, berichtete von dem Gebiet rund um den Gambia. Als sich ab dem 8. Jahrhundert der Islam in Westafrika ausbreitete, wurde auch das Gebiet um den Gambia islamisch. Nach den Arabern erkundeten europäische Seefahrer die Westküste Afrikas. Als portugiesische Händler die Küste entdeckten, war Gambia kein eigenständiges Land. Es gehörte zum Königreich von Mali. Bald folgten den Portugiesen englische Seefahrer und Händler. Die großen englischen Handelsgesellschaften begannen, ihre Handelstätigkeit mit Völkern an der Westküste Afrikas auszuweiten. Das Gebiet um den Gambia war landschaftlich reich und versprach eine große Ausbeute an Edelhölzern und Elfenbein. Deshalb begann zwischen Franzosen und Engländern einen Wettlauf um Gambia. Mehr über die Geschichte von Gambia
Am 18. Februar 1965 wurde Gambia unabhängig. Eine konstitutionelle Monarchie wurde gegründet. Einige Jahre später wurde Gambia in eine Republik umgewandelt. 1981 erschütterte ein gewaltsamer Staatsstreich das Land. Ist Gambia heute ein friedliches Land? Die Pressefreiheit wird nicht immer geachtet. Der Präsident ist viele Jahre an der Macht und regiert autokratisch. Die Bewohner wünschen sich mehr Demokratie. Sie hoffen, dass in Zukunft der Wohlstand gerechter verteilt wird. Diese Marktfrauen rechts oben im Bild würden sich vor allem wünschen, dass ihre Männer Arbeit bekommen und ihre Kinder die Schule besuchen können. Viele Touristen, die heute nach Gambia kommen, wissen nicht viel über die Armut im Land. Sie bringen Geld ins Land und Jobs für Bevölkerung. Tatsächlich entdecken immer mehr Urlauber aus Europa diesen Teil von Afrika. Denn die Gambier zeichnen sich aus durch ihre Herzlichkeit und Offenheit, wie auch durch ihren Stolz und ihre Würde.
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Meyers Länderlexikon für Kinder von Liane Apelt und Isabel Große Holtforth
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