
Als Heinrich der Seefahrer 1415 mit seiner Flotte die nordafrikanische Stadt Ceuta eroberte, fiel der Startschuss für die Entdeckungsfahrten nach Afrika. Es war ein kleiner Sieg mit großen Folgen. Denn mit Ceuta begann die Kolonisierung des Kontinents. Über fünf Jahrhunderte unterwarfen europäische Mächte Schritt für Schritt die Völker Afrikas.

Europa befand sich im 15. Jahrhundert in einer Krise. Die Pest wütete, die Macht des Adels bröckelte. Die Menschen war hungrig nach Gold, Rohstoffen und Gewürzen. Die Luxuswaren kamen aus Indien. Doch sie wurden immer teurer. Araber hatten sich als Zwischenhändler eingeschaltet und kassierten kräftig mit. Die Adelshäuser wollten nicht mehr ihre teuren Preise bezahlen. Was tun? Der Landweg nach Indien war versperrt. Es kam also nur der Seeweg in Frage. Heinrich der Seefahrer, Sohn des portugiesischen Königs Johann I., ließ neue Schiffe bauen. Sie sollten so stabil und wendig sein, dass man auf ihnen die Weltmeere überqueren konnte. Er finanzierte teure Expeditionen und schickte die besten Seefahrer mit den modernen Karavellen Richtung Afrika, um den Seeweg nach Indien zu erkunden. Ziel war der Aufbau eines weltweiten Handelsnetzes, der Portugal die Vormachtstellung in Europa sichern sollte. Es war ein wagemutiges Unternehmen, aber jeder der in der Seefahrt Rang und Namen hatte, wollte dabei sein. Die Seefahrer ankerten an verschiedenen Küstenabschnitten Afrikas, um frisches Wasser und Nahrungsmittel aufzunehmen. Überall, wo sie landeten, stellten die Kapitäne sogenannte Padraos auf, steinerne Säulen. Darauf befanden sich das christliche Kreuz sowie das Wappen und die Inschriften des portugiesischen Königs. Es waren die ersten Symbole, mit denen Europäer Anspruch auf Afrika erhoben. Die mitreisenden Geographen zeichneten Karten von den Küsten und erhielten eine immer genauere Vorstellung vom afrikanischen Kontinent. Die Portugiesen waren beeindruckt von den exotischen Landschaften und dem Reichtum der Küstenvölker. Inseln und Küstenstreifen wurden besetzt und besiedelt. Es war der Beginn der Kolonisierung Afrikas, die sich über fünf Jahrhunderte erstreckte.

Die wagemutigsten Seefahrer waren Bartolomeo Diaz, der 1497 bis zum Kapland vordrang, und Vasco da Gama, der zehn Jahre später als erster Portugiese auf dem Seeweg Ostindien erreichte. Ihre Route führte von Lissabon um das Kap der Guten Hoffnung nach Ostafrika. Sie überquerten das Arabische Meer und gelangten zur Malabarküste im Westen von Indien. Über den Golf von Bengalen segelten sie durch die Straße von Malakka, die Sunda- und Bandasse zu den Gewürzinseln. Über den neuen Handelsweg wurden Pfeffer, Gewürznelken, Muskat und Zimt eingeführt. Diese Gewürze besaßen im Mittelalter einen immensen Wert. Denn sie wurden nicht nur zum Würzen von Speisen verwendet, sondern dienten auch als Konservierungsstoff und Grundlage für Arzneimittel.

Den ersten Seefahrern folgten Händler und Abenteurer. Die Aussicht, schnell reich zu werden, hatte sie her getrieben. Die Händler knüpften Kontakte zu den Küstenbewohnern und Stammesfürsten. Zu Spottpreisen erwarben sie Land und errichteten Handelsposten. An den Küsten von Westafrika stießen sie auf Völker, die über unermessliche Goldschätze, Elfenbein, Weizen und Sklaven verfügten. Ein reger Handel begann. Unmengen an Gold gelangte nach Europa und schuf einen neuen Reichtum. Die Händler benannten die Küsten nach den Waren, die sie dort bezogen: die Goldküste, die im heutigen Ghana lag, die Sklavenküste, die von Togo und Benin bis nach Nigeria reichte und die Elfenbeinküste, die noch heute ihren Namen vom regen Handel mit Elfenbein trägt. Bald nach der Errichtung von Handelsposten mischten die europäischen Handelshäuser auch im Sklavenhandel mit. Die Beschaffung der "Ware Mensch" überließen sie den afrikanischen und arabischen Menschenjägern. Den Verkauf und Transport in alle Welt übernahmen die europäischen Kaufleute. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der transatlantische Sklavenhandel zum gigantischen Geschäft für Europa. Die Folgen für Afrika und seine Bevölkerung waren verheerend.
Nach den Händlern kamen Entdeckungsreisende, die das Innere des Kontinents erforschten. Sie begaben sich auf waghalsige Expeditionen, um die großen Flüsse zu erkunden. Sie reisten entlang dem Niger, Nil, dem Kongo und Sambesi. Viele kehrten nicht zurück, sie starben an Malaria, Gelbfieber und anderen Krankheiten. Schließlich betraten europäische Missionare afrikanischen Boden. Gemeinsam mit Händlern und staatlichen Abgesandten veränderten sie den Kontinent.


Mit der Bekehrung von tausenden von Afrikanern zum christlichen Glauben und dem Bau einer Vielzahl von Missionsschulen bereiteten sie den Boden für die Kolonialisierung der afrikanischen Völker. Dreihundert Jahre, nachdem die ersten Missionare in Afrika landeten, befand sich fast ganz Afrika in der Hand von Europäern. Mehr über die Missionierung Afrikas

Um 1880 hatten die Portugiesen ihre Handelsposten an den afrikanischen Küsten zu Kolonien ausgeweitet. Sie hatten in vielen Kämpfen die Spanier aus Afrika verdrängt und dabei große Verluste erlitten. Großbritannien und Frankreich nutzten die Schwäche Portugals aus. Die industrielle Revolution entfachte in ihren Ländern einen unersättlichen Hunger nach Rohstoffen. Franzosen und Engländer konkurrierten um jene afrikanischen Gebiete, die diese wertvollen Rohstoffe besaßen. Wer den Zugriff auf Gold, Kupfer und andere Edelmetalle, auf Elfenbein, Gummi, Kaffee oder Edelhölzer hatte, wurde neue Weltmacht. Frankreich und England besaßen Ende des 19. Jahrhunderts die größten Kolonialgebiete in Afrika. Als Belgien, Deutschland, Holland und Italien ebenfalls Anspruch auf Kolonialgebiete anmeldeten, begann ein richtiger Wettlauf um Afrika.
Der deutsche Reichskanzler Graf Otto von Bismarck lud 1884 alle europäischen Staatsführer zu einer Konferenz nach Berlin ein. Die zerstrittenen Europäer sollten den afrikanischen Kontinent friedlich unter sich aufteilen. Die Politiker versammelten sich vor einer großen Karte von Afrika. Sie stritten und feilschten, schließlich wurden sie sich einig und teilten die Gebiete untereinander auf. Auf der Landkarte zogen sie die Grenzen zwischen den Gebieten mit einem Lineal. Sie achteten nicht darauf, dass dabei viele Völker auseinander gerissen wurden. Mit ihren künstlichen Grenzen zerstörten sie die traditionelle Lebensweise vieler Völker, vor allem der Nomadenvölker, die durch mehrere Länder ziehen. Kein einziger Afrikaner war bei dieser „Kongokonferenz“ anwesend und konnte etwas dagegen unternehmen. So hatten Portugiesen, Engländer, Franzosen, Deutsche, Belgier und Niederländer freie Hand, um die Bodenschätze auszubeuten und Afrikaner zur Entrichtung von Steuer und Abgaben zu zwingen. Noch heute bestehen die meisten Ländergrenzen so, wie sie damals in die Karte eingezeichnet wurden. Deshalb siehst du auf der Afrika Karte zahlreiche schnurgerade Ländergrenzen.
Auf der Karte siehst du, dass Frankreich und England sich die größten Gebiete sicherten. Alle blauen Flächen gehörten zu Großbritannien und alle roten Flächen zu Frankreich. Spanien hatte in den Kriegen gegen Portugal viele Gebiete aufgeben müssen. Portugal sicherte sich am Atlantik, der Westküste, und am Indischen Ozean, der Ostküste, große Gebiete. Deutschland als noch junge Kolonialmacht sicherte sich große Gebiete im heutigen Kamerun, in Tansania und Namibia. So war fast ganz Afrika aufgeteilt.

Die Kolonialisierung diente hauptsächlich den Handelsgesellschaften und den Industrien Europas. Die Kolonialverwaltung des jeweiligen europäischen Landes vergab an private Firmen das Recht, die Rohstoffe oder Plantagen festgelegter Landstriche auszubeuten. Die Firmen konnten bei der Ausbeutung Gewalt anwenden und die Einheimischen zur Arbeit zwingen. Kein anderer Herrscher über eine Kolonie hat das mehr ausgenutzt als König Leopold der II., der König von Belgien. Er führte das grausamste Kolonialregime in Afrika. Er machte sich große Gebiete rund um den Kongo als sein privates Eigentum zu nutze und beutete in beispielloser Grausamkeit die Arbeitskraft der Einheimischen aus. Im Kongo war der wichtigste Rohstoff Kautschuk. Nach der Entwicklung der Automobile, die auf Gummireifen fuhren, wuchs der Bedarf nach Gummi sehr schnell an. Die Autohersteller unternahmen alles, um so billig wie möglich an den Rohstoff zu gelangen. Bewaffnete Banden überfielen Siedlungen und Dörfer, folterten die Menschen und verstümmelten sie, bis sie die geforderte Menge an Gummi erhielten. Als die Grausamkeiten international bekannt wurden, musste der belgische König sein Gebiet abgeben. Damit fanden die schlimmsten Gräuel an der Bevölkerung ein Ende. In Kenia herrschten die Briten. Sie ließen das Land von britischen Kriegsheimkehrern besiedeln. Ihnen wurden die besten Ländereien in Zentralkenia zugewiesen. Ihre Interessen hatten Vorrang vor denen der afrikanischen Bevölkerung. Als die schwarzen Bauern die Kaffeesorte Arabica anbauen wollten, die gewinnbringender war als die Sorte Robusta, sorgten die weißen Siedler dafür, dass sie allein das Monopol auf den Anbau von Arabica erhielten. Anfang des 20. Jahrhunderts holten die Briten rund 32 000 Arbeiter aus Indien für den Bau der Eisenbahn von Mombasa zum Viktoriasee. Tausende der Arbeiter siedelten sich später in Kenia und Uganda an und verdrängten die einheimische Bevölkerung.
Es gab zwei afrikanische Länder, die nie oder nur für kurze Zeit von europäischen Mächten beherrscht wurden: Äthiopien und Liberia. Italien versuchte Äthiopien zu besetzen, doch die italienischen Streitkräfte konnten sich nur wenige Jahre im Land behaupten. Liberia ist der kleine, weiße Fleck im Westen des Kontinents. Das Land war eine unabhängige Insel zwischen besetzten Ländern. Amerikaner hatten das Gebiet erworben, damit sich dort freigelassene Sklaven ansiedeln konnten.
Die Bevölkerung in den Kolonien im Süden, Westen, Osten und Norden wehrte sich gegen die Unterdrückung und Versklavung. Es kam zu Aufständen und Kriegen. Der Aufstand der Herero und Nama in Namibia gegen die unerbittliche deutsche Kolonialherrschaft oder der Kikuyu in Kenia gegen die arrogante Herrschaft der Briten zeigt, dass sich die Menschen in den Kolonien organisierten und gemeinsam gegen ihre Unterdrücker kämpften. Ab 1920 etwa bildeten sich in allen Teilen des Kontinents Unabhängigkeitsbewegungen. Durch ihren Jahrzehnte dauernden Widerstand konnten sich die afrikanischen Völker von den europäischen Kolonialmächten befreien. 1960 wurden die ersten afrikanischen Länder unabhängig. Die Menschen gingen auf die Straßen und feierten ihre neue Selbständigkeit. 1960 wurde zum afrikanischen Jahr erklärt. In den Jahren danach erhielten alle Staaten die Unabhängigkeit. Auf dem Foto rechts siehst du Kinder in Tansania, die für die Freilassung des Freiheitskämpfers Kenyatta auf die Straße gingen und demonstrierten.
Mehr über die Unabhängigkeit afrikanischer Länder