von Nadine Gordimer
Ich will sie Tilla nennen, aber du kannst sie bei jedem anderen Namen rufen. Du könntest dir vorstellen, dass du sie kanntest. Du könntest derjenige gewesen sein: er. Es ist nicht nur eine sprachliche Eigenheit, wenn wir jemanden „rufen“, statt ihn beim Namen zu nennen: Ruf sie herbei.
Er war im Krieg, deinem Krieg, in den Vierzigern, der so tief ins Jahrhundert zurückgesunken ist wie der 14/18er Krieg der Großväter. Er war blond, stämmig in Khaki, auf anziehende Weise kurzsichtig, so dass seine Augen, die in Wirklichkeit Mühe hatten, etwas scharf zu sehen, aufmerksam auf sie konzentriert schienen (...)
Sie, die ich Tilla rufe – stand auf, entsetzt über das, was sie in sich spürte: die Kraft, der Mutter den Hörer aus der Hand zu reißen, und die Unfähigkeit eines braven Mädchens, es zu tun. Dann sagte die Mutter: Aber natürlich werden wir Sonntag rausfahren, um dir auf Wiedersehen zu sagen und Glück zu wünschen. Großmama würde mir nie verzeihen, wenn sie dächte ... Jetzt sag mir doch mal, wie man dort hinkommt, hinter Pretoria, das weiß ich (...) Anscheinend soll ein Ausflug daraus werden. Aus ihrer Betäubung: Diese Essen, gebügelter Khaki und Lauge, ist aus dem Haus, aus der Küche gefegt worden von etwas, das nichts mit einem Fischer zu tun hat, außer dass der Fischer ein Mann ist, und wie ihr Vater erklärt hat – Einschiffung -, ziehen Männer in den Krieg. Ihre Mutter trägt sich mit Picknickgedanken: Meinst du ein Huhn oder gepökelte Ochsenzunge, harte Eier, weiß nicht, wo man in einem Militärlager sitzen und essen kann, es muss doch irgendwas für Besucher geben. Ihr Vater sucht aus einem Stapel Reisebroschüren die Landkarte der Gegend heraus, um sie ins Fach unter dem Armaturenbrett zu legen. Benzin ist rationiert, aber er war sparsam mit den Marken und hat genug, um voll zu tanken. Deshalb werden die Picknickpläne aufgegeben, kein Picknick, ihre Mutter findet, es wäre eine nette Geste, den Soldaten in der nächsten Stadt zum Essen ins Restaurant einzuladen. Für den jungen Mann auf seinem Weg zum Krieg in der nordafrikanischen Wüste wird es diesen Luxus nicht mehr oft geben.
Sie haben ihr die Diamantenmine, nie gezeigt, obwohl sie ihrer Tochter von Kind an sehenswerte Dinge gezeigt haben, als Teil ihrer Erziehung. Sicher haben sie darüber gesprochen – ihr Vater ist selbst in einem Bergbauunternehmen beschäftigt, aber da geht es um Gold, nicht um Edelsteine – oder, wahrscheinlicher, sie hat in einem Lehrbuch in der Schule davon gelesen: irgendein berühmter Diamant stammt von hier.
Das Ausbildungslager befindet sich auf einem von den Streitkräften requirierten Teil des weitläufigen Minengeländes, auf dem Veld stehen Zelte bis zum Horizont, angepflockt und vertäut, graubraun wie das niedergetretene, verdorrte Gras und die von Stiefeln fest gestampfte Erde – überall trampelnde Stiefel, überall Khaki, die Träger lauter Ebenbilder voneinander, von ihm; wie sollen sie ihn finden? (...) Sie ist diejenige: „Da. Da ist er.“
Natürlich. wenn man ihn findet, sieht man, dass keiner so ist wie er, keine Verwechslung möglich. Wie man es bei Begrüßungen macht, lachen alle, aber seine Augen konzentrieren ihre Aufmerksamkeit auf sie. Er grüßt die Abschnitte zwischen den Straßenlaternen und die Küche. Dieses Wochenende, das die Wochenenden beschließt, scheint zugleich das erste des Winters zu sein; auf einmal ist es kalt, Wind bläht und peitscht das Zelt, in dem er geschlafen haben muss, weit fort, zwischen Wochenenden. Es ist ein Wetter für warmes Essen, ein Dach über dem Kopf. Im Restaurant sucht er sich für diese letzte Mahlzeit Curry mit Reis aus. Er streut geriebene Kokosnuss darüber, sie begegnet seinem Blick, und er lächelt ihr zu, während er Chutney auf seinen Teller löffelt. Das Lächeln ist das eines gefräßigen Jungen, der ertappt wird, und auch so, als wäre es eine unter dem Tisch gedrückte Hand. (...)
Es war zu warm im Restaurant. Draußen bringen Höhenwinde den Hauch des ersten Schnees in den fernen, ungesehenen Bergen mit, wie diese Fahrt zum Lager zurück den Hauch des fernen, ungesehenen Krieges mitbringt, zu dem alle Ebenbilder in Khaki eingeschifft werden wollen. Keine Heizung im Familienauto damals, der Soldat hat nur sein dünnes, gut gebügeltes Khaki, und die Tochter, natürlich, hat wie alle jungen Mädchen keine Vorkehrungen gegen einen Wetterumschwung getroffen, sie trägt das dünne, volanbesetzte Baumwollkleid (heimlich ausgewählt, obwohl er, der älter ist und in die Geheimnisse des Meeres eingeweiht, es wahrscheinlich gar nicht bemerken wird), das sie getragen hat, als sie zum ersten Mal miteinander ins Kino gingen. Die Mutter, die ihren Ärger über die Unzuverlässigkeit der Jugend – als Nächstes wird sie Bronchitis bekommen und den Unterricht verpassen – für sich behält, wie sie glaubt, hat zum Glück eine Reisedecke dabei und besteht darauf, dass die Passagiere auf dem Rücksitz sie über die Knie legen.
Bei der Beschäftigung mit dem Essen, zum Wellensittichgezwitscher der übrigen Restaurantgäste war es leicht zu plaudern. Im Wagen, auf dem Rückweg zu diesem endgültigen Ort, dem Lager, ist der Ausflug vorbei. Der Vater verspürt eine Verpflichtung: Zumindest kann er etwas über die Diamantenmine sagen, das ist interessant, und bald werden sie ja wieder an der Anlage vorbeikommen, obwohl man von der Straße aus nicht viel sieht.
Die Decke ist wie das Fell eines staubigen Haustiers, das sich auf sie gelegt hat. Die Wärme der Mahlzeit in ihnen erweckt es zum Leben; ein Leben, das sie teilen, ein einziger Körper. Es ist angenehm, die Hand darunter zu stecken; die Hände, seine rechte, ihre linke, finden einander. Die rechte und die linke Hand verklammern sich so fest ineinander, dass der Muskelballen unterhalb des Daumens gegen den Knochen flach gedrückt wird und die verschränkten Fingen zwischen den Gelenken verteilt sind. Es ist keine Umklammerung gegen die bevorstehende Trennung, sie hat gar nichts mit irgendeiner Zukunft zu tun, sie gehört in die dringende Reinheit dieser Gegenwart.
Mit freundlicher Genehmigung des Berlin Verlages in der Piper Verlag GmbH Auszug aus Erlebte Zeiten von Nadine Gordimer aus Erlebte Zeiten. Erzählungen 1952-2007 / Bewegte Zeiten. Leben und Schreiben 1954 (c) der dt. Übersetzung, Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH 2013