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Wir brauchen neue Namen

Wir brauchen neue Namen (c) Suhrkamp Verlag.jpg

von No Violet Bulawayo. Suhrkamp 2014

"Egal, wo man hingeht, man muss immer zurück können."

 

Namen sind Verheißung, Botschaft, Programm. Manchmal erzählen sie kleine Geschichten. Wie der  Name No Violet Bulawayo. Die Autorin heißt eigentlich Elizabeth Zandile Tshele. Sie kommt aus Simbabwe. Seit sie in den USA lebt und schreibt, hat sie sich den klingenden Namen No Violet Bulawayo zugelegt. Der Nachname Bulawayo erinnert an die zweitgrößte Stadt von Simbabwe und Zentrum des Matabelelandes, der Heimat der Autorin. "No" heißt in der Sprache der Ndebele nicht nein sondern mit. Und Violet ist der Vorname der Mutter von Elizabeth Zandile Tshele, die schon früh verstarb.

Darling in Paradise, Simbabwe

"Wir brauchen neue Namen" erzählt die Geschichte von der zehnjährigen Darling aus "Paradise", einer Wellblechhüttensiedlung, wie es sie zu hunderten in Simbabwe gibt. Die Siedlung ist wahrlich kein Paradies, hier gibt es kein fließendes Wasser, kein Klo, kaum etwas zu Essen. Es ist eine Notunterkunft, die für die meisten Frauen zur zweiten Heimat geworden ist. Die Männer sind auf der Suche nach einem Job weggegangen, mit dem Versprechen, den Familien Geld zu schicken. Wie Darlings Vater, der nach Südafrika ging, aber nie wieder etwas von sich hören ließ. Darlings Mutter ist meist weg, irgendwo Geld verdienen. Nur "Mother of Bones", Darlings bigotte Großmutter, kümmert sich um ihre Enkelin. Wenn sie nicht gerade den bizarren Predigten des Propheten Revelations Bitchington Mborro lauscht. Für Darling und ihre Freunde ist Paradise ein Zwischenstopp zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Sie gehen nicht zur Schule, denn ihre Eltern können sich Schulgebühr und Uniform nicht leisten. Sie spielen auf den Straßen, jagen durch den Busch oder gehen auf Beutezug durch "Budapest", dem Reichenviertel der Stadt. Sie klauen Guaven und träumen von einem besseren Leben in einem der schicken Häuser von Budapest. Oder sie träumen von Amerika, wie Darling, deren Tante Fostalina sie irgendwann in die USA holen will. Der Umgang der Kinder untereinander ist rau, doch sie kümmern sich umeinander. Sie machen sich ihre eigenen Gedanken über die Welt der Erwachsenen, ihre Geheimnisse, ihre Lügen, ihre Peinlichkeiten. Sie beobachten die Umtriebe der Mobs, die von dem Fremdenhass des Präsidenten Robert Mugabe angestachelt in die Häuser von Fremden, zumeist Weißen, eindringen und sie vertreiben. Und sie erleben, wie die Krankheit Aids Misstrauen, Lüge und Angst in ihrer Welt verbreitet. Als Darlings an Aids erkrankter Vater zum Sterben nach Paradise zurückkehrt, verschaffen ihm die Kinder einen letzten, anrührenden Augenblick von Zusammengehörigkeit. Die Kindheit ist plötzlich zu Ende, als die 11jährige Chipo, ein Mitglied der Kinderbande, schwanger wird. Die anderen wollen wissen, "wer es ihr reingetan hat", doch sie erfahren es nicht. Denn seit man ihren Bauch sehen kann, ist Chipo stumm wie ein Fisch.

Darling in Detroit, USA

Darling erzählt von Detroit, sie ist umgeben von Kälte und Schnee. Sie wohnt nun bei ihrer Tante Fostalina, die sie schließlich doch in die USA geholt hat. Sie beobachtet ihre neue Heimat und erkennt die does und don'ts, die man als Afrikaner beachten muss. Zum Beispiel darf man nicht wie Fostalina wackelig sprechen, sonst hört einem niemand zu. Sie lernt das amerikanisch der bekannten TV Shows, der Ansager und Fernsehmoderatoren. Sie geht in die Schule, hat Freundinnen, mit denen sie durch die Einkaufsmails pilgert oder Pornos guckt. Sie hängt in den Discos ab, hört Gangsta Rap und knutscht mit einem Jungen rum. Sie sieht, dass es auch hier Gewalt gibt, dass Müll auf den Straßen liegt, dass es Arme gibt, die betteln. Sie hat Heimweh, doch sie kann nicht nach Hause. Ihr Besuchervisum ist schließlich längst abgelaufen. Sie hat noch Kontakt zu ihren Freunden in Paradise, sie telefoniert mit Bastard, Stina, Godknows und Chipo, die inzwischen Mutter geworden ist. Chipo fragt sie: "Warum bist du nach Amerika abgehauen, Darling Nonkululeko Nkala, hm? Wieso bist du einfach weg? Wenn es dein Land ist, musst du es lieben, um drin zu leben, und nicht weglaufen. Dafür kämpfen, egal, was passiert, damit es besser wird."  Darling ärgert sich über die Fragen. Denn insgeheim weiß sie längst, dass sie nicht mehr zurück will.

Wir brauchen neue Namen ist eine wahrhaftige, witzige, traurige und herzerwärmende Geschichte. Wir wünschen uns mehr solche Bücher. Was sie erzählen, entspricht ziemlich genau dem Motto von afrika-junior: Nichts erzählt mehr über ein Land als seine Geschichten!

Eine Leseprobe zu Wir brauchen neue Namen findest du auf der Webseite von Suhrkamp

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